Zerstörerische Politik. Interview mit Olaf Kuhl
Schloß Holte Stukenbrock [ENA] Der deutsche Autor, Übersetzer und Slavist Olaf Kühl beantwortete unsere Fragen zu den Ursachen des Russland–Ukraine-Krieges, zur imperialen Denkweise in Russland und zu den kulturell-politischen Folgen, die dieser Krieg in der Zukunft mit sich bringen wird.
Herr Kühl, Sie kennen die russische Kultur und Literatur sehr gut. Wie erklären Sie sich, dass ein Land mit so reicher Kultur einen so zerstörerischen Krieg führt? Mich als Deutschen überrascht das weniger. Goethe und Schiller, unsere großen Philosophen und Komponisten haben uns nicht davon abgehalten, den Zweiten Weltkrieg vom Zaun zu brechen und sechs Millionen Juden zu ermorden. In jeder Nation gibt es einen Bodensatz von niederträchtigen Instinkten, die nach oben kommen, wenn ihre Vertreter die Macht ergreifen. Bei Russland kommt hinzu, dass es den Zerfall des sowjetischen Imperiums nicht verwunden hat und weiter kolonialistisch denkt. Die Kriege gegen Tschetschenien und Georgien waren deutliche Warnzeichen.
Und die sogenannte „große russische Kultur“ ist von diesem Virus des Kolonialismus infiziert, nicht erst seit Puschkin und Dosto- jewski. 2. Hätte sich dieser Krieg vermeiden lassen? Wenn ja, in welchen Phasen und durch wel- che Entscheidungen hätte man ihn verhindern können? Es gab einige Punkte, an denen man Putin Stopzeichen hätte zeigen können. Wenn Kanzlerin Merkel 2008 Ukraine und Georgien nicht den NATO-Beitritt verwehrt hätte, zum Beispiel. Der Bau von North Stream II, der geopolitisch die Ukraine schwächte, hat russische Illusionen geweckt, man könne wieder über die ehemaligen Vasallenstaaten bestimmen. Kein einzelner Punkt war entscheidend, aber die Schwäche und das Appeasement des Westens insgesamt ist ein wichtiger Faktor.
3. Wie hat dieser Krieg die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland, Russland und der Ukraine verändert? Die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland sind für viele Jahrzehnte vergiftet. Putin hat es, muss man zynisch sagen, geschafft, das ukrainische Nationalbewusstsein aufs äußerste zu steigern - durch seine Aggression. Heute will niemand von den Ukrainern, die ich kenne, mehr mit Russen gemeinsam auftreten. In Deutschland gibt es eine Strömung, die sich nach den alten, romantisch verklärten Beziehungen zu Russland sehnt. Aber ich glaube nicht, dass sich diese Sehnsucht vor dem Ende des Krieges erfüllen wird. Nach der militärischen Niederlage muss Russland erst einmal entnazifiert, das heißt von der Geisteskrankheit
der „russischen Welt“ gesäubert werden. Das wird ein langer Pro- zess. 4. Welche Rolle spielen Literatur und Kunst heute, wenn es darum geht, den Krieg und sei- ne Ursachen zu verstehen? Und in welchem Maße kann Kultur Ihrer Meinung nach zur Be- endigung dieses Krieges beitragen? Die Kultur kann heute nichts mehr zur Beendigung des Krieges beitragen. Das ist allein Sache des Militärs und ökonomischer Mittel. Irgendwann einmal wird vielleicht ein großer Roman über diese Zeit geschrieben werden, aber ich kann Ihnen versichern, es wird einvöllig anderer Roman als Tolstois „Krieg und Frieden“. Der Stolz auf den Sieg über Napoleon wird der Scham darüber weichen, Hunderttausende des angeblichen „Brudervolkes“ ermordet zu haben.




















































